So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung. (1. Tim 2,1-6a)
Liebe Gemeinde, ich muss es gestehen:
Über das Beten zu reden, fällt mir schwer.
Auch heute, am Sonntag Rogate.
Ich finde: Beten ist etwas sehr Persönliches, etwas sehr Privates, ja fast Intimes. Wer betet, der ist ganz bei sich.
Ich mag es zum Beispiel gar nicht, wenn in Fernsehgottesdiensten betende Menschen in Nahaufnahme gezeigt werden. Ich habe immer das Gefühl, die Kamera dringt in die Intimsphäre der Gottesdienstbesucher ein – sie zeigt, was eigentlich niemanden etwas angeht.
Oder nach einem Besuch, wenn ich mit jemandem lange und intensiv gesprochen habe. Ein Gespräch über Schmerz und Angst, über Krankheit und Tod.
Wenn ich mich dann verabschiede, dann kneife ich oft:
Ich sage selten: „Ich bete für Sie“.
Obwohl ich das eigentlich sagen will – und obwohl ich tatsächlich für die entsprechende Person bete.
Aber dann mogle ich mich doch ein bisschen heraus und sage meistens so etwas wie:
„Ich denke an sie“.
Irgendwie fällt es mir nicht leicht, so ganz direkt von meinem Gebet zu sprechen.
Vielleicht finde ich es auch ein wenig aufdringlich.
Obwohl es den Menschen meistens sehr gut tut, zu wissen, dass jemand für sie betet.
Aber Beten ist für mich eben etwas sehr Intimes.
Wer betet, der ist ganz bei sich. Wer betet, vertraut sich ganz einem Du an.
Dabei hat niemand Drittes etwas verloren.
Vielleicht ist das ja eine moderne Erfahrung.
Die Sichtweise einer Welt, in der der Glaube immer stärker zu einer Privatsache geworden ist.
Da fällt dann das Beten eben in einen Bereich, der niemanden etwas angeht. Und wenn man darüber öffentlich reden soll, dann gerät man leicht in Verlegenheit, ins Stottern und Stammeln.
Ganz anders der heutige Predigttext. Er stammt aus einer Zeit, in der Beten die normalste Sache der Welt war.
Und er sagt: Beten, das ist das erste und wichtigste, was Christen und Christinnen tun können.
Ich lese aus dem 1. Brief an Timotheus, Kapitel 2:
So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung
für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit,
damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.
Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland,
welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen,
nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.
Beten, das ist erste Christenpflicht. Bitten, Fürbitten, Danken: Etwas ganz normales.
Naja, vielleicht nicht ganz so normal, denn sonst hätte es die Ermahnungen des Timotheus-Briefes nicht gebraucht.
Aber es ist schon deutlich: Vor allen anderen Dingen Beten.
Nicht: Handeln, nicht: Diakonie, nicht: Organisieren der Gemeinde,
nein: Beten soll an erster und wichtigster Stelle stehen im Leben einer Gemeinde und im Leben eines jeden Christen und einer jeden Christin.
Für moderne Ohren mag sich das merkwürdig anhören.
Wir heute krempeln lieber die Ärmel hoch als dass wir die Hände falten.
Wir haben Zutrauen in unsere Kräfte.
Und Beten, wenn überhaupt – dann kommt das an zweiter, dritter oder vierter Stelle.
Denn: Wer sagt eigentlich, dass wir mit unserem Gebet überhaupt etwas bewirken?
Gut, in der Bibel stehen Sätze, dass wir Gott nicht umsonst bitten, wenn wir ihn bitten.
Aber haben wir nicht allzu oft die gegenteilige Erfahrung gemacht?
Für etwas ganz intensiv gebetet – und dann ist es doch anders gekommen, als wir es erbeten haben?
Wie oft haben wir in dieser Kirche für die Ehe eines Brautpaares gebetet – und das Paar hat sich doch später getrennt.
Wie oft haben wir für das Leben eines Täuflings gebetet, um Gottes Schutz: Und doch hatte er nie das Gefühl, dass Gott ihn auf seinem Lebensweg begleitet.
Wie viele stumme und laute Gebete wurden an Krankenbetten gesprochen – und doch wurde das Krankenbett viel zu schnell zu einem Sterbebett.
Nein – Gott macht es uns nicht immer leicht mit dem Beten.
Oder – vielleicht ist es auch ganz anders: Vielleicht ist es ja auch so, dass wir es Gott nicht ganz leicht machen mit unseren Gebeten. Oder mit unseren Erwartungen daran.
Ich glaube, wer betet, wer Gott mit seinem ganzen Herzen um etwas bittet, der muss immer auch das Gebet sprechen können, das Jesus selbst gebetet hat.
Damals im Garten Gethsemane:
„Vater, ich bitte dich, doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“.
Beten: Ich glaube, das sind nicht so sehr die Worte, die wir sprechen, die wir murmeln, die wir laut herausschreien.
Beten, das ist eher eine Haltung, die wir gegenüber Gott und gegenüber unserem Leben haben.
Eine Haltung des Vertrauens: Gott, nicht so wie ich will, sondern wie du willst.
Das ist das Grundvertrauen. Ohne das geht Beten nicht.
Und dann – auf dieser Grundlage – darf ich Gott alles sagen.
Darf ich ihn alles bitten.
Darf ich ihm auch meinen Zorn entgegen schleudern über das, was in dieser Welt passiert.
Mit mir und mit so vielen Menschen.
Aber ohne die Haltung „nicht mein, sondern dein Wille geschehe“, ohne diese Haltung ist das Gebet nichts anderes als eine versuchte Bestechung Gottes.
Ein Tauschhandel nach dem Motto: Ich gebe dir meine Zeit und mein Gebet – und du, Gott, tust dafür, was ich von dir erbitte.
Es ist beim Gebet wie so oft: Die Haltung macht’s, nicht die Worte.
Und in dieser Haltung darf ich darauf vertrauen, dass Gott mich nicht ungehört bitten lässt.
Was wäre das denn für ein Gott, der sich oben im Himmel hinter seinen Wolken verschanzt und sich von den Schicksalen, von den Bitten seiner Menschen nicht anrühren ließe.
Das wäre ein Götze, ein toter Gott. Das wäre nicht der lebendige Vater Jesu Christi.
Gott ist weder der Automat, der unsere Bitten einfach so ausführt, wenn wir nur intensiv genug beten.
Noch ist er der Unberührbare, der über uns allen thront, und dem wir mit unseren Gebeten herzlich egal wären.
Der Gott, an den wir glauben, ist lebendig, er hat einen Willen, er hat seine Liebe, er ist leidenschaftlich, er hat etwas mit uns vor. Aber er lässt sich auch von uns anrühren und verspricht, unsere Gebete nicht ungehört verhallen zu lassen.
Diesen Gott besser zu verstehen, ihm seinen Willen zu lassen und nicht an ihm zu verzweifeln – das ist manchmal gewiss nicht einfach. Für niemanden von uns.
Aber das Gebet kann helfen, diese Haltung einzuüben.
Ich merke das bei mir selbst: Wenn ich bete, dann habe ich das Gefühl, Gott besser zu verstehen. Ich bin ganz bei mir, das habe ich vorhin gesagt.
Das macht das Gebet so persönlich und intim.
Und ich bin auf eine gewisse Weise auch ganz bei Gott.
Ich lerne, eine Haltung einzunehmen, die Gott allein die Ehre und das Vertrauen gibt.
Ich wende mich an Gott, weil ich niemanden anderen wüsste, an den ich mich wenden sollte.
Mit meinen Sorgen, mit Nöten, mit Ängsten. An wen denn sonst, wenn nicht an Gott?
Da bin ich dann ganz bei mir, weil es um mein Innerstes geht.
Und ich bin gleichzeitig im Gebet ganz bei Gott, weil sich beim Beten die Perspektive, der Blickwinkel ändert.
Ich lerne, meine Probleme mit den liebenden Augen Gottes zu sehen.
Wenigstens ansatzweise, wenigstens ein kleines bisschen.
Ich verstehe vielleicht besser, was ich falsch gemacht habe, wo meine Fehler liegen, wo ich egoistisch und selbstsüchtig war.
Und dann hat das Gebet mindestens eine gute Wirkung: Dass es mich selbst verändert.
Meinen Blick auf mein Leben und auf die Probleme, mit denen ich zu kämpfen habe.
Für mich ist das etwas ganz Wesentliches und etwas ganz Wunderbares:
Vielleicht verändert Gott nicht die Welt, wenn ich ihn darum bitte.
Aber er verändert mich, er verändert alle Menschen, die zu ihm beten.
Er wirkt in den Herzen derer, die an ihn glauben, die zu ihm beten. Das ist schon viel!
Und dann wird auch der Unterschied zwischen Beten auf der einen und Handeln auf der anderen Seite plötzlich sehr viel kleiner: Das eine ersetzt das andere nicht.
Ich glaube, ich kann mich auf Dinge, die ich tun muss, nicht besser vorbereiten als durch Beten.
Im Gebet wird mir klar, was jetzt dran ist. Was wirklich wichtig ist. Was ich tun kann – und wo ich loslassen muss. Wer sagt: Handeln ist wichtiger als Beten, der hat das Gebet nicht wirklich verstanden.
Liebe Gemeinde, ein Letztes:
Für Könige und die Obrigkeit sollen wir beten, sagt der Predigttext.
Für die Politiker würden wir heute sagen.
Und das, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können.
Das klingt ein zunächst furchtbar angepasst, betulich und vielleicht sogar etwas spießig.
Genau das Gegenteil ist gemeint: Mischt Euch ein in die Politik, würde ich das heute übersetzen.
Das Gebet ist nicht nur etwas für die stille Kammer zuhause, sondern auch etwas für den Rathausplatz. Wenn ihr betet, dann geht es nicht nur um die persönlichen Sorgen, sondern um das Wohl des ganzen Landes, letztlich von Gottes ganzer Welt.
Ob Krieg oder Frieden herrscht.
Ob die Menschen hier und anderswo genug zu essen haben;
Ob Bildung und Kultur für alle da sind.
Ob reich und arm gegeneinander stehen oder ob Solidarität herrscht in einer Gesellschaft:
Das geht uns Christen durchaus etwas an. Das ist unser Thema. Auch im Gebet.
Gott um die Weisheit für unsere Politiker zu bitten – das steht uns gut an.
Nicht als überhebliches Gebet gegen jene, von denen wir meinen, wir könnten es besser als sie.
Nicht als Kampfgebet gegen jene, von denen wir zu wissen glauben, sie seien sowieso alle korrupt und machtsüchtig.
Sondern als ehrliches Gebet für die, die Verantwortung übernommen haben – und sie doch in den allermeisten Fällen nach bestem Wissen und Gewissen ausfüllen wollen.
Sie brauchen natürlich unsere kritische Begleitung.
Das ist in der Demokratie nicht nur möglich, sondern auch nötig.
Dafür sind wir mündige Bürger.
Aber sie brauchen auch unser Gebet. Vielleicht zuallererst unser Gebet:
Die ehrliche und aufrichtige Fürbitte, dass Gott ihnen hilft, ihre Verantwortung zu tragen.
Dafür sind wir Christen.
Denn wir glauben, dass unser Gebet die Welt verändern kann, vielleicht nicht immer so wie wir wollen, aber so wie Gott will. Amen.

9. May 2010
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