Christus ist gekommen und hat im Evangelium Frieden verkündigt euch, die ihr fern wart, und Frieden denen, die nahe waren. Denn durch ihn haben wir alle beide in einem Geist den Zugang zum Vater. So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, erbaut auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist, auf welchem der ganze Bau ineinandergefügt wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn. Durch ihn werdet auch ihr miterbaut zu einer Wohnung Gottes im Geist.
Vielleicht müsste man ihn zweimal lesen, diesen Text. Er ist reichlich verschachtelt und hat etwas ausgesprochen Umständliches. Dabei ist die Sache, die er sagen will, alles andere als kompliziert. Unser Predigttext ist nichts anderes als eine einzige große Einladung zum Frieden.
Zum Frieden zwischen Gott und Mensch – und zum Frieden zwischen den Menschen.
Frieden – das ist eine einfache und zugleich unendlich komplizierte Sache. Schon allein die Frage, wie Frieden zustande kommt – darum kümmert sich ein ganz eigener Wissenschaftszweig, der derzeit wieder große Konjunktur hat: Die Friedens- und Konfliktforschung.
Was man von dieser Disziplin lernen kann:
So vieles, was sich Frieden nennt, ist eigentlich eine Mogelpackung.
Denn Frieden ist nur, wenn ihn alle Beteiligten wollen.
Und wenn alle Beteiligten mit diesem Frieden einverstanden sind.
Das heißt: Frieden ist nichts einseitiges.
Ich kann niemandem meinen Frieden aufzwingen.
Ein diktierter Frieden hält nicht lange.
Das gilt für alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens – in den Familien genauso wie zwischen Völkern. Ein kleiner Funke genügt – und es ist vorbei mit dem Frieden.
Wir kennen das alle: Das Familienfest zum 80. Geburtstag der Großmutter. So sehr wünscht sie sich, dass sich ihre Kinder wenigstens an diesem Tag nicht streiten. Aber es genügt eine unbedachte Bemerkung und der nicht ganz freiwillige Feiertagsfriede löst sich in Streit auf.
Oder – einige Nummern größer und gefährlicher: Ein paar Schiffe, die die Blockade des Gaza-Streifens durchbrechen wollen.
Welche Wut und welcher Hass uns aus den Videobildern entgegenspringen, als die israelische Marine die Schiffe stoppen und entern.
Nein: Im Inneren eines erzwungenen Friedens tickt immer eine Bombe, die jederzeit hochgehen kann.
Deshalb sind Friedensschlüsse so kompliziert.
Sie müssen jeder Partei gerecht werden.
Sie müssen die gemeinsame unfriedliche Geschichte berücksichtigen.
Und sie müssen dann das beschreiben, was nun anders werden soll, friedlicher und besser für alle Beteiligten.
So auch unser Text. Es geht um Judenchristen und Heidenchristen und darum, dass sie nun zusammenleben in einer Gemeinde. Beide haben ihre ganz unterschiedliche Geschichte:
Auf der einen Seite die Juden:
Über viele Generationen haben sie die Erfahrung weitergegeben, dass sie das von Gott erwählte Volk sind. Sie haben sich an Gottes Gebote gehalten und darin eine ganz besondere Nähe zu Gott erlebt. Für sie fiel die Welt in zwei Teile auseinander: Das auserwählte Volk Israel – und der Rest der Welt, die anderen Völker.
Und nun erleben sie, wie zu ihrer Gemeinde ganz selbstverständlich auch Menschen gehören, die aus diesem Rest der Welt stammen. Eben so genannte Heidenchristen. Sie halten sich nicht an die Gebote und sie berufen sich dabei auf Paulus und vor allem auf Jesus selbst.
Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich die Spannungen zwischen diesen beiden Gruppen vorzustellen, die in einer Gemeinde zusammenwohnen sollen.
Und nun unser Predigttext:
Er verwischt die Unterschiede nicht einfach.
Er belässt jedem seine eigene Geschichte.
Aber er sagt auch:
In Christus sind diese Unterschiede nicht mehr wichtig.
Die Heidenchristen, die einst fern von Gott waren,
sind nun nah.
Und sie haben ebenso das Recht, in Gottes Haus zu wohnen, wie die Judenchristen, die Gott immer schon nah waren.
Dieser Friede ist gerade kein erzwungener Friede.
Keine der beiden Parteien hat das Recht,
der anderen ihren Frieden zu diktieren.
Es ist ein dritter, der den Friede stiftet.
Es ist Christus selbst.
„Christus ist unser Friede“ heißt es ein paar Verse vor unserem Predigttext.
Ein Satz, so einfach und klar, dass er sich deutlich abhebt von den komplizierten und umständlichen Worten des Predigttextes.
„Christus ist unser Friede“. Damit fängt alles an.
Ohne Christus wären Juden und Heiden immer von einer hohen Mauer getrennt gewesen.
Christus hat diesen Frieden nicht diktiert,
nicht befohlen, sondern teuer erkauft.
In ihm ist der Gott des Friedens selbst zur Welt gekommen.
Gott selbst hat in ihm am Kreuz gelitten –
und leidet bis heute mit allen Menschen,
die in Unfrieden leben müssen.
Nicht Macht, Gewalt oder Drohungen sind es,
die Frieden stiften,
sondern die Liebe und die Bereitschaft, das Leid der anderen mitzutragen.
Dazu hat Christus uns eingeladen, dieser eine Mensch,
in dem Gott am Kreuz die Arme ausspannt, um diese unfriedliche Welt zusammen zu halten.
Dieser eine Mensch, in dem Gott uns von seinem Kreuz herunter ansieht und sagt:
Lass dich versöhnen und versöhne dich.
Du gehörst zu mir,
nicht mehr und nicht weniger als dein Nachbar.
Nicht mehr und nicht weniger als der, den du für deinen Gegner hältst.
Ein zweiter Gedanke:
Das friedliche Zusammenleben in der Gemeinde beschreibt der Predigttext mit einem Bild.
Es ist das Bild von einem Haus, das aus vielen Steinen besteht – und Christus ist der Eckstein.
Gott baut sich ein Haus, und wir sind die lebendigen Steine, aus denen er es zusammenfügt.
Der Schlusstein ganz oben ist Christus – er ist der Stein, der alles zusammenhält.
Nähme man ihn heraus, dann würde das ganze Gebäude in sich zusammenfallen.
Soweit das Bild aus der Bibel.
Wir verstehen es heute nicht mehr ganz so einfach wie die Menschen früher.
Denn wenn wir heute bauen, dann ist meist Beton im Spiel.
Und mit Beton kann man Häuser bauen, die sich die Menschen früher gar nicht vorstellen konnten.
Da braucht es keinen Schlussstein, um das ganze zusammenzuhalten.
Es gibt überhaupt keine einzelnen ganzen Steine mehr.
Stattdessen werden die Steine zermahlen, kleingepresst, bis sie zu kleinen Kieseln geworden sind, die dann vermischt werden mit Zement und Wasser – bis man das ganze in die Form gießen kann, die man gerade braucht. So baut man heute Häuser.
Ich stelle mir das Haus, das Gott mit uns baut, ganz anders vor.
In unserem Wohnzimmer hängt eine große Fotographie einer meiner Lieblingskirchen.
Es ist die romanische Abtei Sant Antimo – ein paar dutzend Kilometer südlich von Siena.
Helle Mauern, unverputzt.
Die einzelnen Steine wurden nicht zugehauen, sie wurden so verwendet, wie man sie gefunden hat.
Sie haben alle ihre Form behalten, ihre Ecken und Kanten und ihre Rundungen.
Jeder etwas ganz besonderes und einmaliges.
Aus diesen Steinen wurde Sant Antimo vor fast 9 Jahrhunderten zusammengesetzt.
Noch heute kann man jeden einzelnen Stein noch deutlich erkennen.
Sie fügen sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit ganz erstaunlich gut ineinander und der Mörtel hält sie zusammen.
So entstand auf einem tragfähigen Fundament aus ganz vielen ganz unterschiedlichen Steinen eine romanische Basilika.
Generationen von Pilgern, von Gottesdienstbesuchern, von Betenden oder einfach nur von Touristen hat diese Kirche gegen Sonne, gegen Regen, gegen Wind und Wetter geschützt.
Hier, in diesem großartig schlichten und einfachen und zugleich ungemein kunstvollen Kirchenbau war und ist ein Raum, wo sie sich Gott nahe fühlen konnten und bis heute seine Nähe spüren.
So wie die Abtei Sant Antimo stelle ich mir das Haus vor, das Gott aus uns Menschen baut:
Er lässt uns so unterschiedlich, wie wir sind,
er macht uns nicht kleiner, er schleift nicht die Ecken und Kanten ab.
Für jeden und jede von uns gibt es einen Platz, eine Stelle in der Mauer, in der genau wir und nur wir hineinpassen.
Kein Grund, dem anderen den Platz streitig zu machen.
Nur gemeinsam sind wir das Haus Gottes, seine Gemeinde, seine Kirche.
Natürlich sind wir unterschiedlich.
Manchmal ist es schwer, diese Unterschiede auszuhalten.
Und manchmal ist es auch notwendig, über die Unterschiede zu streiten.
Genau wie in der Gemeinde, an die der Epheserbrief gerichtet ist.
Aber immer muss klar sein, dass wir alle zu dieser Kirche gehören.
Dass es nicht die Ferneren und die Näheren gibt.
Freilich, es gibt die, die öfter kommen und weniger oft.
Es gibt die, die täglich beten und die, die das Beten fast schon verlernt haben.
Es gibt die, die die alten Lieder singen wollen und die, die mit den neuen vertraut geworden sind.
Es gibt die, die an Traditionen hängen, und andere, die sie am liebsten über Bord werfen würden.
Aber es gibt keine Ferneren und keine Näheren, wenn es um Christus geht.
Und das ist der Grund für den Frieden, den wir in der Kirche spüren sollen.
Ein tiefer Friede, der durchaus auch mal Streit erträgt.
Ein kurzer letzter Gedanke noch:
Unser Predigttext ist eine einzige große Einladung zum Frieden, habe ich gesagt.
Wir können sie ablehnen – allzu oft haben wir das auch getan.
Haben gestritten und das gemeinsame Fundament infrage gestellt.
Haben dem anderen das Christsein abgesprochen.
Haben den Frieden nach unseren eigenen Vorstellungen selbst herstellen wollen, anstatt ihn uns von Christus schenken zu lassen.
Wie wäre das eigentlich, wenn wir diese Einladung annehmen würden?
Was müssten wir überhaupt tun, um sie anzunehmen?
Ich glaube, die Antwort auf das Friedensangebot ist unser Vertrauen.
Wahrer Friede herrscht dort, wo sich Menschen gegenseitig vertrauen.
Das ist auch der letzte und tiefste Grund, warum man Frieden nicht befehlen oder mit Macht durchsetzen kann. Denn Vertrauen lässt sich niemals erzwingen.
Für das, was mit Vertrauen gemeint ist, hat der Theologe Eberhard Jüngel ein schönes Bild gefunden:
Er sagt: „Dem Menschen vertrauen wir, in dessen Nähe wir getrost die Augen zu schließen wagen, wohl wissend, dass uns von ihm nichts Böses widerfahren wird – so wie ein Kind in der Nähe der Mutter die Augen schließen und getrost einschlafen kann. Und wie wohl auch ein Sterbender im Vertrauen auf Gott die Augen schließen und einschlafen kann, wohl wissend, dass ihm von Gott, dass ihm von dem Herrn über Leben und Tod nichts Böses widerfahren wird. Er ist unser Friede.“
Amen.

13. June 2010
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