Ich danke unserm Herrn Christus Jesus,
der mich stark gemacht und für treu erachtet hat und in das Amt eingesetzt, mich, der ich früher ein Lästerer und ein Verfolger
und ein Frevler war;
Aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren,
denn ich habe es unwissend getan, im Unglauben.
Es ist aber desto reicher geworden die Gnade unseres Herrn
samt dem Glauben und der Liebe, die in Christus Jesus ist.
Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert,
dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
Aber darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
Aber Gott, dem ewigen König,
dem Unvergänglichen und Unsichtbaren,
der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen.
Da breitet einer seine Lebensgeschichte aus.
Ein Mann, für damalige Verhältnisse schon ein älterer Herr, blickt zurück.
Und er steht staunend davor, was in seinem Leben alles gelungen ist.
Der Rückblick mündet in ein vorbehaltloses und überschwängliches Lob Gottes: „Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit“.
Gebe Gott, dass wir alle das gegen Ende unseres Lebens einmal so sagen und empfinden können.
Der, der da seinen kurzen Lebensrückblick im Lob auf Gott enden lässt, ist der Apostel Paulus. Um seine Lebensgeschichte geht es.
Die Wissenschaft sagt uns, dass Paulus diesen Text höchstwahrscheinlich nicht selbst geschrieben hat.
Vielleicht war es einer seiner Schüler, der dem Paulus seine Worte geliehen hat.
Aber darum geht es mir heute nicht.
Mir geht es um das Lebensgefühl, das hinter diesen Worten steckt:
Paulus – der große Theologe.
Der Apostel, der das Christentum in die ganze Welt gebracht hat.
Ohne ihn hätten wir heute vielleicht noch nicht einmal etwas von Jesus Christus gehört.
Dieser Paulus beschreibt sein Leben als eine einzige Gnade.
Da ist nichts, was er als sein Verdienst vorweisen könnte.
Nichts, aber auch rein gar nichts, hat dafür gesprochen, dass gerade dieser Paulus von Gott Gnade und Barmherzigkeit erfahren sollte.
Ein Eiferer war er, selbst ziemlich unbarmherzig.
Das sieht er im Rückblick auch so.
Er hat die ersten Christen erbarmungslos verfolgt.
Wähnte sich auf der richtigen Seite – auf der Seite Gottes.
Und war, so sieht er es jetzt, doch nur ein Lästerer,
ein Verfolger, ein Frevler, letztlich ein Ungläubiger.
Und dann geschieht das, was die Forschung später das Damaskuserlebnis nennt.
Paulus erlebt eine Wende in seinem Leben.
Es ändert sich alles.
Er, der schärfste Verfolger der Christen,
wird mit einem mal zum Bekehrten.
Er verfolgt die noch ganz junge Kirche nicht mehr –
er sorgt im Gegenteil für die Ausbreitung des Evangeliums.
Was er früher bekämpft hat – dafür setzt er sich nun ein –
mit allem was er hat:
Mit seinem scharfen Verstand, mit seinem Organisationsgeschick, mit aller Überzeugungskraft, die ihm gegeben ist.
Das ist der Wendepunkt, auf den der ältere Paulus zurückschaut, wenn er schreibt:
Mir ist Barmherzigkeit widerfahren, dass Christus Jesus an mir als erstem alle Geduld erweise, zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollten zum ewigen Leben.
Viele sind diesem Vorbild gefolgt.
Erst Sünder, dann Bekehrung, dann ein Leben für Gott – in seinem Auftrag.
Geschichten nach diesem Muster werden seit Paulus immer wieder erzählt.
Man muss nur an den Kirchenvater Augustin denken.
Auch er zuerst ein Sünder – und was für einer!
Dann das Bekehrungserlebnis,
schließlich einer der großen Kirchenväter der Alten Kirche.
Bis heute gehört es in bestimmten christlichen Kreisen zum guten Ton, ein solches Bekehrungserlebnis vorweisen zu können.
Wer nicht bekehrt ist, gilt, wenn überhaupt, nur als lauwarmer Christ.
Wer nicht möglichst anschaulich von der eigenen Bekehrung erzählen kann, dem wird schnell der echte, der wahre Glaube abgesprochen.
Ich muss gestehen, dass mir dabei nicht wohl ist.
Das hat mehrere Gründe:
Zum einen: Bekehrung wird – unter der Hand – zur eigenen Leistung.
Genau genommen wird der ganze Glaube zur eigenen Leistung.
Und dann gibt es so etwas wie einen Sündenstolz oder einen Bekehrungsstolz.
Ich kann aber unmöglich stolz sein auf meine eigene Bekehrung. Denn das widerspräche allem, was wir in der Bibel lesen.
Und es widerspräche unserem Predigttext:
Mir ist Barmherzigkeit widerfahren, heißt es da,
Christus Jesus hat an mir als erstem alle Geduld erwiesen.
Stolz klingt anders.
Nichts habe ich dazu beigetragen, sagt der Predigttext.
Im Gegenteil: Ich bin bei Jesus Christus an jemanden geraten, dessen Geduld länger währte als meine Halsstarrigkeit.
Alles, was ich tun kann, sagt der Paulus unseres Predigttextes, ist Gott dafür zu loben.
Wer auf seine Bekehrung stolz ist – und sich dazu auf Paulus beruft, der hat Paulus nicht richtig verstanden.
Und umgekehrt: Wer kein Bekehrungserlebnis erzählen kann, muss sich dafür nicht schämen.
Ich jedenfalls kann es nicht.
Ich habe keinen einzelnen Wendepunkt in meinem Leben, der alles radikal verändert hätte.
Und gerade deswegen möchte ich jenen Satz aus dem Predigttext gerne mitsprechen:
Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen,
Die Sünder selig machen.
Aus Saulus einen Paulus machen.
Aus dem Frevler den Apostel machen.
Das in einem einzigen, klaren Moment zu erleben,
das wäre zu schön, um wahr zu sein.
Aber es ist eben nicht bei uns allen so, dass aus rabenschwarz plötzlich schneeweiß wird.
Das dürfte eher die Ausnahme sein.
Was wir erleben, das spielt sich eher im Spektrum zwischen dunkelgrau und hellgrau ab.
Und trotzdem bleibt diese Sehnsucht, die Sehnsucht nach Veränderung in meinem Leben.
Vielleicht nicht gleich vom Frevler zum Apostel –
aber ich wünsche mir so sehr,
Dass alles, womit ich mich selbst beschwere, von mir abfällt.
Dass alle meine Trägheit abfällt.
Mein Desinteresse, das ich nur zu oft verspüre.
Meine kleinen Gedanken, die eigentlich viel größer sein müssten.
Mein mangelnder Mut gegen Ungerechtigkeiten anzugehen –
übrigens auch gegen die Ungerechtigkeiten, die ich selbst verschulde.
Es gibt so vieles, was ich gerne hinter mir lassen würde.
Nicht um mich dann einer Bekehrung rühmen zu können.
Sondern, damit mein Leben freier, fruchtbarer, mehr ein Leben für andere wird.
Und dann höre ich diesen Text noch einmal neu:
Das ist gewisslich wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Christus Jesus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, unter denen ich der erste bin.
Das ist nicht ein Wort, das mich klein machen will.
Dass wir Sünder sind, das soll uns nicht niederdrücken und herunterziehen.
Es geht nicht darum, uns möglichst klein zu machen, damit wir den Wettbewerb gewinnen:
Wer ist der reuigste Sünder – und anschließend der am meisten Bekehrte.
Aber: Dass Jesus die Sünder selig macht,
das heißt: Es gibt ein Recht auf Veränderung.
Wir haben jemanden, der uns dieses Recht einräumt.
Wir dürfen hoffen, dass wir uns wirklich verändern.
Dass wir eines Tages aufstehen aus unserem Fernsehsessel und auf die Straße unter Leute gehen.
Dass wir nicht jedes Mal wieder aufs Neue in die Falle tappen und mit immer denselben Menschen immer denselben Streit austragen.
Dass wir die Angst verlieren, auf Menschen zuzugehen, weil wir uns für zu klein halten.
Dass wir mutig genug werden, unsere Fehler zuzugeben, die vergangenen und die, die wir noch machen werden.
Dass wir uns für andere Menschen interessieren, auch wenn uns das nicht unmittelbar nützt.
Dass wir unsere Talente, unsere Begabungen nicht länger brach liegen lassen.
Das hört sich alles fast unmöglich an.
Zu lange schon leben wir so, wie wir eben leben.
Dabei steht uns nichts so sehr im Weg wie wir selber.
Deshalb ist das ganze Evangelium, deshalb ist ganz besonders unser Predigttext ein einziger Ruf:
Vertrau’ darauf, dass Dir die Sünden vergeben sind.
Lass dich durch sie nicht mehr abhalten, dich zu ändern.
Du hast ein Recht drauf.
Dafür ist Jesus Christus auf die Welt gekommen.
Und jetzt bist Du an der Reihe.
Lass dir einen neuen Anfang schenken.
Jetzt – morgen – in einem Jahr – immer wieder in deinem Leben.
Das ist das Lebensgefühl, das hinter dem Predigttext steht.
Veränderung ist möglich.
Sie ist möglich, weil die Möglichkeit dir geschenkt wird.
Und wenn es eine Veränderung gibt,
wenn das Grau ein wenig heller geworden ist,
dann lob dich dafür nicht selbst.
Rühme dich nicht, sondern sei schlicht dankbar dafür und lobe Gott:
Gott, dem ewigen König, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren, der allein Gott ist, sei Ehre und Preis in Ewigkeit!
Gebe Gott, dass wir alle gegen Ende unseres Lebens einmal sagen und empfinden können.
Amen.

20. June 2010
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