Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis 2010 zu Apg 2,41-47

18. July 2010

Predigten

Die das Wort annahmen, ließen sich taufen.
Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.
Es kam aber Furcht über alle Seelen, und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel.
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam.
Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte.
Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk.
Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

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Mei, war das schön damals. Da könnte man richtig neidisch werden.
So harmonisch, so einträchtig ging es damals zu:
In der Urchristenheit, in der ersten Gemeinde, wie Lukas sie in der Apostelgeschichte schildert.
Und heute? Unsere Kirche, unsere Gemeinde -
ich habe das Gefühl, mit dieser Erzählung können wir heute nicht mithalten.

Vier Grundmauern der Kirche beschreibt Lukas:
Die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das Brotbrechen und das Gebet.
Diese vier Grundmauern machten die Gemeinde damals aus, die Gemeinde der ersten Christen, wie sie Lukas uns schildert.

Schauen wir doch mal, was davon heute übrig geblieben ist:

1. Die Lehre der Apostel: Mit der Lehre haben wir es heute nicht mehr so. Lehre – das riecht uns heute nach Dogmen, nach Einengung, nach Engstirnigkeit. In unseren Synoden wird manchmal über die Lehre, viel eher aber über den Haushalt, die Stellenplanung, die Organisation gestritten. Das muss sein – aber es stimmt eben auch: Die Lehre steht bei uns heute sicher nicht mehr an erster Stelle, wie noch bei Lukas.

2. Die Gemeinschaft, alles teilen, das letzte Hemd geben für den anderen:
Das ist bei uns heute eher ein frommer Wunsch.
In Wirklichkeit geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander, auch zwischen uns Christen, auch in unseren Gemeinden.
Sicher, es gibt die Diakonie.
Und ja: Die Barfüßergemeinde spendet Lebensmittel für Menschen, die wenig Geld haben.
Woche für Woche wird Menschen bei der Tafelausgabe geholfen.
Aber: Alles teilen – das sieht dann doch anders aus.

3. Das Brotbrechen, also das Abendmahl: Das immerhin scheint uns noch zu gelingen.
Auch nachher werden wir das Abendmahl feiern. Vielleicht sollten wir noch ein bisschen fröhlicher, freudiger, ein bisschen erlöster feiern. Aber das Heilige Abendmahl hat sich von damals bis heute gehalten.
Und trotzdem: Wir Christen haben es über die Jahrhunderte geschafft, aus dem Abendmahl, aus dem Zeichen der Gemeinschaft das Zeichen der Trennung zu machen, der Trennung zwischen katholisch und evangelisch. Auch hier schauen wir heute nicht gut aus.
4. Schließlich das Gebet: Vielleicht ist es am ehesten das Beten, das wir beibehalten haben. Jedenfalls viele von uns. Und trotzdem: auch da sind Zweifel angebracht. Denn wer vertraut heute schon zuerst auf das Gebet und dann auf das eigene Tun.

Wenn wir also diese vier Punkte ansehen, dann schneiden wir heute vermeintlich schlecht ab gegenüber der Urgemeinde.

Da ist es vielleicht ein kleiner Trost, was die neutestamentlichen Wissenschaftler erforscht haben.
Lukas hat diesen Text geschrieben, als es schon längst keine Urgemeinde mehr gab.
Er war selbst gar nicht dabei, sondern schrieb, was man ihm erzählt hatte.
Und wie das mit Erzählungen so ist: Je größer der zeitliche Abstand wird, desto mehr verklären wir die Vergangenheit.

In der Urgemeinde ging es keineswegs so friedlich, so harmonisch, so einträchtig zu, wie es in unserem Text steht. Im Gegenteil. Die Apostelgeschichte selbst erzählt ja auch anderes.
Ein paar Kapitel später wird von Streitereien, von Konflikten und von Spannungen berichtet, die die Urchristenheit fast auseinandergerissen hätten.

Vielleicht wollte Lukas weniger über die Vergangenheit erzählen, sondern mehr seine Zeitgenossen zum Frieden ermahnen.
Vielleicht wollte er sagen: So, wie ich es euch erzähle, so sollte es eigentlich sein: So gemeinschaftlich, so einträchtig, so friedlich.
Unser Predigttext stellt uns weniger ein getreues Abbild der tatsächlichen Urgemeinde vor Augen.
Er erzählt uns vielmehr von der Sehnsucht, dass Frieden und Gemeinschaft sein sollen in der Kirche.

Und diese Sehnsucht ist geblieben. Bis heute.
Wenigstens unter Christen soll es friedlich zugehen.
Wo, wenn nicht in der Kirche, soll es echte, tiefe Gemeinschaft geben?
Das höre ich immer wieder, von ganz vielen Menschen.
Übrigens nicht nur von Gemeindegliedern.
Auch Kirchenfremde wünschen sich oft die Kirche als ein Gegenmodell zur Welt.

Wenn es schon in der Familie, in der Arbeit, im Verein ungerecht zu geht, dann müsst doch wenigstens ihr Christen auch gegenseitig gerecht behandeln.
Wenn schon in der Welt mit harten Bandagen gekämpft wird – dann soll es doch wenigstens in der Kirche anders zugehen.

Die Erwartungen sind hoch gespannt. Bei vielen von uns.
Umso herber können sie enttäuscht werden.

Wenn Politiker sich in Talkshows fast an die Gurgel gehen,
wenn sie sich im Bundestag gegenseitig anpöbeln -
dann ertragen wir das.
Es scheint irgendwie dazu zu gehören.
Aber Streit in der Kirche – das rührt uns sehr viel mehr an.

Ein Pfarrer und eine Gemeinde, die sich nicht vertragen – das bewegt die Menschen, auch solche, die gar nicht zur Gemeinde gehören. Darüber wird monatelang in der Zeitung berichtet.

Wenn die Pius-Bruderschaft Priester weiht, obwohl sie es eigentlich nicht darf – dann steht das bei Spiegel online ganz oben. Und das, obwohl es sich doch nun wirklich am Rand der Kirche abspielt.
Deswegen sitzt auch der Schock über Missbrauchsfälle in der Kirche so tief.
Wir sind tief betroffen. Denn wir und mit uns viele andere haben die Kirchen für Orte der guten Gemeinschaft, des Vertrauens und der Glaubwürdigkeit gehalten.
Und wir wollen sie immer noch dafür halten.

Insofern halte ich es für folgerichtig, dass gestern die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen zurückgetreten ist.
Sie hat vor Jahren – vielleicht – einen Fehler gemacht und einen Missbrauchsfall nicht entschieden genug verfolgt. Wie stark ihre Schuld wirklich ist, wissen wir nicht.
Aber sie hat sicher recht, wenn sie vom Vertrauensverlust spricht.
Ohne Vertrauensvorschuss keine Bischöfin.
Die Messlatte für kirchliche Amtsträger liegt sehr hoch – weil die Sehnsucht so groß ist, dass wenigstens in der Kirche gelebt wird, was im Rest der Gesellschaft vielleicht schon vergessen ist.

Vielleicht liegt die Messlatte für die Kirche insgesamt zu hoch.
Vielleicht müssen wir unsere Erwartungen an die Kirche ja herunterschrauben.
Sehen wir dazu zum Schluss noch einmal auf unseren Predigttext.

Kirche – das ist Gemeinschaft. Von Anfang an.
Lässt man alle Übertreibungen und Idealisierungen der Apostelgeschichte weg, dann bleibt eines übrig: Niemand kann seinen Glauben leben ohne die Gemeinschaft:
Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander. So steht’s bei Lukas.

Wer Gemeinde für überflüssig hält, wer Gemeinschaft der Glaubenden für entbehrlich hält, der mag zwar seinen Gott allein im Wald oder auf dem Berg loben – aber ihm geht etwas wesentliches ab vom ganzen Glauben.

Unsere Kirche ist nicht die Gemeinschaft der Perfekten, der immer und überall Friedfertigen, der bedingungslos Sanftmütigen.
Es ist nicht die exklusive Gemeinschaft derer, die nicht streiten, die alles abgeben, die nur für die anderen leben.

Sondern: Kirche ist die Gemeinschaft der Menschen wie du und ich.
Mit allem was dazu gehört, und was an uns egoistisch, rechthaberisch oder neidisch sein mag.
So wenig perfekt wir auch sein mögen: Die Kirche ist die Chance zu einer echten Gemeinschaft.

Eine Gemeinschaft von Menschen,
die miteinander essen und füreinander beten,
die miteinander weinen und lachen,
die miteinander trauern und feiern können.
Die sich Anteil geben an dem, was in ihrem Leben wirklich zählt.

Die Gemeinde: wenn’s gut läuft ein Ort wo der small talk verstummt und die wirklichen Probleme, Ängste, Sorgen, Freuden auf den Tisch kommen.

Ein Ort, an dem sich niemand hinter Fassaden verstecken muss.
An dem man sich nichts vorspielen muss.

Natürlich, ich weiß:
Auch das ist ein Idealbild, wie das des Lukas in der Apostelgeschichte.

Aber: Eins eint uns doch.
Wir alle leben aus der selben Kraft – und wir alle wissen, dass wir diese Kraft bitter brauchen.

Gott: unsere Hoffnung, unser Fundament, unsere Lebenskraft.
Da muss doch niemand dem anderen Stärke vorspielen.
Da kann man sich doch gegenseitig auch die schwachen, die weichen, die ungeschützten Stellen zeigen.
Da muss man sich seiner Tränen nicht schämen – der Freudentränen nicht und der Trauertränen auch nicht.

Das wäre eine Kirche, wie ich sie mir wünsche.
Manchmal erlebe ich schon etwas davon.
In solchen Augenblicken bin ich dann gar nicht mehr so neidisch auf die Urgemeinde der Apostelgeschichte.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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