Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben.
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!
Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten.
Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen:
Siehe, wir sind deine Knechte.
Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?
Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen,
um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.
So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen.
Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.
Es ist das Ende einer große Geschichte. Mit Neid und Verrat hat sie begonnen. Und mit Versöhnung endet sie.
Für mich ist die Geschichte von Josef und seinen Brüdern eine der schönsten Geschichten in der Bibel überhaupt.
Sie ist gesättigt mit Lebenserfahrung.
Die Menschen, die darin vorkommen, die großen Urväter Israels,
sind echte Menschen.
Nicht entrückte Figuren auf Goldgrund,
sondern realitätsnah und lebensecht.
Deswegen können wir in den alttestamentlichen Geschichten viel von uns selbst wiedererkennen.
Da geht es zu wie bei uns zuhause:
Es geht um die Familie: Um den Streit, um die Liebe und um die Versöhnung zwischen Geschwistern.
Es geht darum, was passiert, wenn Eltern eines ihrer Kinder bevorzugen.
Und darum, wie schmerzhaft es sein kann, wenn Geschwister sich so überwerfen, dass sie ihr Leben lang getrennt bleiben.
Und obwohl von Gott in diesen ganzen 14 Kapiteln des 1. Buchs Mose, die Josefs Geschichte erzählen, – obwohl von Gott erstaunlich wenig die Rede ist, schimmert doch seine Führung durch jede Zeile hindurch.
Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, sagt Josef zum Schluss. Seht her, sagt die Geschichte, auch wo wir ihn nicht sehen, auch wo wir ihn nicht spüren können, auch da kann Gott sein, auch da kann er wirken.
Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern beginnt damit,
dass der Vater den einen Sohn Josef seinen anderen Söhnen vorzieht.
Josef ist der Lieblingssohn – und das lässt er die anderen spüren.
„Wollt ihr hören, was ich geträumt habe?“, fragt Josef seine Brüder.
Und noch bevor sie antworten können, erzählt er es ihnen:
„Ich habe geträumt, dass wir auf dem Feld waren und Getreide schnitten und das Getreide zu Garben zusammenbanden.
Meine Garbe stand in der Mitte. Sie richtete sich auf und stand, aber eure Garben stellten sich ringsumher und verneigten sich vor meiner Garbe.“
Es ist klar, dass solche Reden den Brüdern auf die Nerven gehen.
Ein kleiner, eitler verhätschelter Bub, der sich wie ein König aufspielt. Das werden sie gedacht haben – und damit haben sie nicht unrecht. Und vermutlich werden sie es auch ihrem Vater Jakob angelastet haben, dass er Josef gewähren ließ.
Wir kennen das aus eigener Erfahrung:
Kinder sind sehr sensibel, wenn sie sich gegenüber ihren Geschwistern benachteiligt fühlen.
Da liegt nicht selten der Grund für ein lebenslanges Zerwürfnis zwischen Geschwistern und zwischen Kindern und Eltern:
Bis lange ins Erwachsenenalter kann das Gefühl, zurückgesetzt worden zu sein, anhalten.
„Du hast immer meinen Bruder lieber gemocht als mich“ – ein solcher Satz ist oft der Ausdruck einer sehr tief sitzenden Kränkung.
Und umgekehrt gibt es, finde ich, für Eltern kaum Schlimmeres als diesen Vorwurf, seine eigenen Kinder nicht mit der gleichen Liebe aufgezogen zu haben.
Bei Josef und seinen Brüdern führen Bevorzungung und Eifersucht zur Katastrophe.
Die Brüder beschließen, Josef zu töten.
Erst in letzter Minute schrecken sie davor zurück – und verkaufen ihn stattdessen in die Sklaverei nach Ägypten.
Dem Vater zeigen sie das besonders schöne Kleid, das er Josef geschenkt hatte.
Sie beschmieren es vorher mit Blut – so dass Jakob glauben muss, sein Lieblingssohn ist von einem Tier angefallen und getötet worden.
Aber die Brüder haben sich verrechnet:
Jetzt, da Josef tot ist – oder Jakob immerhin meint, dass er tot ist, – jetzt hat der Vater auch nicht mehr Platz in seinem Herzen für seine anderen Kinder.
Selbst im Tod – oder gerade im Tod – bleibt Josef der Lieblingssohn.
Keines seiner Geschwister kann den Vater über diesen Verlust trösten.
Dass Josef nicht mehr da ist, hat das Verhältnis des Vaters zu seinen anderen Kindern offenbar nicht verbessert.
Auch das kennen wir ja heute, manche von uns vielleicht sogar aus eigener Erfahrung:
Das Lieblingskind bleibt das Lieblingskind,
auch wenn es nicht mehr da ist, wenn es gestorben es,
oder sich aus irgendeinem Grund von seinen Eltern abgewendet hat.
Dann sitzt der alte Vater beim runden Geburtstag mit seinen Kindern zusammen. Nur der Lieblingssohn fehlt.
Die Geschwister, die gekommen sind, haben Geschenke mitgebracht.
Sie sind nicht nur heute, am Geburtstag da, sondern kümmern sich auch an den anderen 364 Tagen um ihre Eltern.
Aber sie zählen nicht.
Jedenfalls Nicht so viel wie dar Lieblingssohn.
Der Vater wartet auf ein Läuten an der Tür oder wenigstens auf das Klingeln des Telefons.
Dass der verlorene Sohn nicht kommt, dass er nicht mal anruft, das verdirbt den ganzen Geburtstag.
Szenen wie diese spielen sich in vielen Familien heute ab.
Und weil die Familie vielen von uns so nahe geht, leiden Menschen unter solchen Situationen besonders.
Verletzungen entstehen und manche Verletzung heilt nie.
Familien können an solchen Situationen zerbrechen.
An Neid, an Eifersucht – oder manchmal auch nur an lebenslangen Missverständnissen.
Es ist oft furchtbar, mitanzusehen, wie Menschen auch als Erwachsene gegenüber den Eltern nicht aus ihrer alten Kinderrolle herauskönnen.
Und wie Eltern auch ihren großgewordenen Kindern immer noch so begegnen wie damals.
So muss es nicht sein. Und ich habe es auch ganz anders erlebt.
In vielen Familien ist es aber so:
Wie sich Eltern und Kinder, wie sich Geschwister untereinander damals begegnet sind, das prägt ihr Verhältnis für immer.
So mag es auch Josefs Geschwistern gegangen sein, als sich Jakob nicht von ihnen hat trösten lassen. Josef hingegen, der in die Sklaverei Verkaufte, macht derweil in Ägypten Karriere.
Sie kennen diese Geschichte sicher alle:
Wie Josef schnell im Haus des Hofbeamten Potifar aufsteigt.
Wie Potifars Frau ein Auge auf ihn wirft.
Wie Josef sich ihr entzieht und wie sie ihn aus Rache bei ihrem Mann anschwärzt.
Wie dann Josef ins Gefängnis geworfen wird und dort die Träume des Bäckers und des Mundschenks deutet.
Und wie schließlich der Pharao Josef zu seinem Stellvertreter macht, weil er dessen Träume von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren gedeutet hat.
Es ist die mitreißende und anrührende Geschichte eines Menschen, der einerseits klug und begabt ist, und der andererseits darauf vertraut, dass Gott ihm im Hintergrund hilft.
Es ist die Geschichte eines Menschen, der mit seinen Erfahrungen reift und dadurch erwachsen wird.
Aus dem kindlich-eitlen Träumer von damals ist in Ägypten der zweitmächtigste Mann des Landes geworden.
Nicht nur die Garben seiner Brüder verneigen sich jetzt vor ihm, sondern ein ganzes Land.
Aber nicht, weil er seine Macht und die Beliebtheit beim Vater oder beim Pharao ausspielt.
Sondern weil er sich mit aller Kraft dafür einsetzt, dass Menschen nicht verhungern müssen.
In sieben Jahren der guten Ernte hat er Getreide sammeln und riesige Vorräte anlegen lassen.
Und jetzt, in den sieben Jahren der Dürre, haben die Menschen genug zu Essen.
Sogar die Menschen an den Rändern des ägyptischen Reiches kommen zu ihm, und er kann ihnen zu Essen geben.
Auch seine Brüder kommen. Auch sie haben keine Nahrung mehr.
Er gibt sich ihnen zuerst nicht zuerkennen.
Spielt ein Spiel mit ihnen.
Stellt sie auf die Probe, ob sie sich geändert haben, oder immer noch fähig sind, einen ihrer Brüder zu verraten und zu verkaufen.
Ein bisschen Rache muss sein, wird er sich gedacht haben.
Trotzdem zeigt sich hier, wie wichtig es sein kann, Geschwister zu haben, auf die man sich im Notfall verlassen kann.
Josef gibt den Brüdern das erbetene Getreide,
ohne das sie hätten verhungern müssen.
Er gibt sich ihnen schließlich auch zu erkennen.
Geschwister können eine Gnade sein, das erleben die Brüder jetzt. Ihm, den sie damals töten wollten, verdanken sie nun ihr Leben.
Natürlich ist das eine wohlkomponierte Geschichte.
Aber eine solche Gnade gibt es nicht nur in der Geschichte.
Dass Geschwister füreinander etwas tun, was sie für niemanden anderen tun würden, das kann man immer wieder erleben.
Der Text, den ich vorhin gelesen habe, spielt noch etwas später, nämlich nach Jakobs Tod.
Das ist ja wohl ein tiefer Einschnitt im Verhältnis von Geschwistern:
Wenn die Eltern gestorben sind.
Wenn man vielleicht nichts mehr hat, was einen äußerlich zusammenhält.
Wenn man sich nicht mehr ganz automatisch bei den Eltern trifft, weder an Weihnachten noch an einem der Familienfeste.
Dann mag es sein, dass Geschwister beginnen, sich aus den Augen zu verlieren.
Oder auch gerade umgekehrt: Ihre Verbundenheit auch ohne die Eltern entdecken.
Vor dieser Frage stehen Josefs Brüder: Jakob lebt nicht mehr.
Die Klammer, die sie mit Josef verbinden könnte, hält sie nicht mehr zusammen.
Wie wird Josef sich jetzt entscheiden?
Sie nähern sich ihm vorsichtig.
Berufen sich auf den Vater, der die endgültige Aussöhnung gewollt habe.
Und dann sprechen sie aus, was ausgesprochen werden muss:
Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!
Das Unrecht, das sie Josef damals angetan haben, ist benannt.
Es liegt jetzt offen.
Die Brüder haben es selbst zugegeben:
Sie haben ihm etwas Unverzeihliches angetan, eine „Missetat“.
Und sie kommen aus eigenen Kräften aus dieser Schuld nicht mehr heraus.
Das ist die Voraussetzung für alles Vergeben:
Dass offen angesprochen wird, was geschehen ist.
Alle Verletzung, aller Neid, alle aufgestaute Wut.
Alles, was man sich gegenseitig angetan hat:
Das alles muss auf den Tisch.
Erst dann werfen sich die Brüder vor Josef nieder:
„Wir sind deine Knechte, vergib uns“.
Sie sind nicht nur deshalb seine Knechte, weil er jetzt der Stellvertreter des Pharao ist.
Sie sind auch seine Knechte, weil sie sich damals an ihm schuldig gemacht haben,
und heute von ihm abhängen, von seiner Vergebung, von seinem Verzeihen.
Die Machtverhältnisse sind klar. Die Brüder haben verloren.
Josef hat gewonnen. Es kommt jetzt alles darauf an, wie der Sieger mit den Verlierern verfährt.
So denken sie.
Aber Josef denkt anders. Er sagt etwas, das erstaunlich klingt: „Stehe ich denn an Gottes statt?“, fragt er. So hätte er damals, als er ihnen von seinem Traum mit den Garben erzählt hat, noch nicht geredet. Da hat er sich als Herrscher über sie gefühlt.
Heute ist er tatsächlich der Herrscher. Er entscheidet über ihr Leben.
Aber heute lehnt er das ab.
Nur Gott ist Herrscher über die Menschen.
Das hat er gelernt auf seinem Weg durch Ägypten.
Nur Gott richtet über uns.
Das Richten ist nicht unsere Aufgabe – auch wenn wir tausendmal Grund dafür hätten.
Das ist für mich Vergebung:
Das Unrecht wird ausgesprochen – aber niemand macht sich zum Richter über den anderen.
Die Fehler werden klar benannt – aber es gibt zum Schluss keine Sieger und keine Verlierer.
Gott kann auch aus Bösem etwas Gutes machen.
Das haben Josef und seine Brüder erlebt.
Sie haben erlebt, dass ihr Leben bei Gott gut aufgehoben ist.
Und wer das erlebt hat, der kann das Richten Gott überlassen.
Der muss nicht Genugtuung daraus ziehen, dass er der Sieger, der andere der Verlierer ist.
So hat Gott in dieser Geschichte für Vergebung gesorgt.
Gebe er, dass er es in allen unseren eigenen Geschichten auch tun wird.
Der Friede Gottes, der höher ist als all‘ unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

17. July 2011
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