Predigt zu Jesaja 2,1-5: Schwerter zu Pflugscharen – oder: keine Vision ist zu groß

14. August 2011

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Dies ist’s, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!


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Nein, der Zion ist kein hoher Berg.
Eher ein kleiner Hügel.
Umgeben von viel höheren Erhebungen.
Von allen Seiten blickt man auf den Zion hinunter.

Und nein: Jerusalem war damals alles andere als eine wichtige Stadt,
Israel wahrlich kein großes Land.
Eher klein und unbedeutend zwischen den großen Weltreichen.
Es gab eigentlich keinen Grund, warum die Völker sich gerade hierhin aufmachen sollten,
in dieses Land am Rand der Geschichte.
Was muss in den Menschen damals vorgegangen sein,
dass sie sich solch große Hoffnungen machten?
Übergroße, nach menschlichem Ermessen völlig überspannte Hoffnungen auf eine Zeit,
in der dieser kleine Hügel der Nabel der Welt sein würde,
der Mittelpunkt der Völker,
von dem aus das Zeitalter des Friedens anbrechen würde.

Szenenwechsel.
„Schwerter zu Pflugscharen“:
Es ist gerade mal 20, 30 Jahre her, dass die Friedensbewegung in der DDR dieses Wort aus unserem Text zu ihrem Slogan gemacht hat.
Ein kleines Häuflein Friedensbewegter.
Friedensträumer in einem Land, in dem Wehrerziehung zum normalen Lehrplan gehörte.
belächelt von einem Großteil der Bevölkerung,
bekämpft und mit allen Mitteln unterdrückt von den Organen des Staates und der Partei.
Auch bei diesen Menschen kann man sich fragen:
Was hat sie bewegt?
Woher haben sie den Mut genommen, für Frieden einzustehen,
obwohl sie dadurch massive persönliche Nachteile in Kauf nehmen mussten.
Von der Verhaftung durch die Stasi bis zum Verlust des Studienplatzes.

Und dann wurde diese Friedensbewegung plötzlich und unerwartet zu einem Kern der friedlichen Revolution in der DDR.
Sie hatten jahrelang an der Vision des Friedens festgehalten,
hatten Frieden eingeübt.
Das war nun der Schlüssel zum Erfolg der Revolution.
Denn was wäre passiert, wenn die Demonstrationen in Leipzig und anderswo nicht friedlich geblieben wären.
Wenn die Menschen statt Kerzen in den Händen zu halten ihre Fäuste geschwungen hätten?
Die Revolution stand nicht nur einmal auf der Kippe.
Um ein Haar hätte alles mit Blutvergießen geendet.
Hätte man gegen die Gewalt und die Brutalität des Staates ebenfalls Gewalt gesetzt, die Gewalt des Volkes, es hätte schlimm geendet. Aber weil man gegen die Panzer Kerzen einsetzte, gegen die Gewehre Lieder, wurde die Macht der Gewehre gebrochen.

So hat sich die friedliche Revolution letztlich durchsetzen können.
So ist schließlich auch die schreckliche Mauer gefallen, deren Bau vor 50 Jahren wir gestern gedacht haben.

Der Predigttext und die Erinnerung an die friedliche Revolution:
Beide erzählen von der Friedenssehnsucht.
Sie erzählen von der Kraft der Träume.
Sie erzählen davon, dass Menschen sich nicht zufrieden gegeben haben,
sich nicht abfinden wollten mit dem, was war,
mit dem Unfrieden, mit der Gewalt, mit der Unterdrückung.
Sie erzählen von Hoffnungsbildern, die Menschen zum Frieden bewegt haben.

Es ist wohl so:
Zukunftserwartungen brauchen Bilder.
Deswegen malt der Prophet Jesaja seinem Volk Bilder vor Augen.
Der Berg Zion, der erhöht wird.
Die Völker, die zum Zion wallfahrten und sich von Gott richten lassen.
Und dann für immer Frieden halten.
Ein Berg der Hoffnung für ein Volk am Boden, in tiefer Verzweiflung.
Ein Bild der Zukunft, ein Traumbild, das Kraft ausstrahlt und Mut macht, sich nicht mit der Gegenwart abzufinden,
sondern immer wieder aufzustehen und die Hoffnung auf Frieden nicht aufzugeben.

Ich frage mich, was wir heute für Bilder von unserer Zukunft haben.
Ich glaube, unsere Zukunftsbilder entspringen heute weniger Träumen als vielmehr nur allzu oft Alpträumen.

Das beginnt schon im Kino, wo die Weltuntergangsfilme seit einiger Zeit ein großes Publikum finden.
Wo es früher kurz vor Ende des Films dem Helden noch glückte, den Untergang abzuwenden,
da haben die Filme heute immer weniger ein happy end.
Immer stärker werden die Bilder vom Weltuntergang inszeniert.
Immer mehr Spezialeffekte werden verwendet, um das Ende der Erde in Szene zu setzen.
Das sagt eine ganze Menge über unsere Sicht der Zukunft.

Solche Alptraumbilder finden wir nicht nur auf der Leinwand, sondern auch in unseren Köpfen.
Von der Klimakatastrophe über die Finanzkrise und zum Untergang des Euro bis hin zur alternden Gesellschaft, zum Atom-GAU oder zum Ende der natürlichen Rohstoffe:
Es gibt viel, das uns Angst macht.
Unsere Sicht der Zukunft hat Risse, ist düster und wenig hoffnungsvoll.

Ich glaube, dass eine Gesellschaft ganz wesentlich beeinflusst wird von den Bildern, die sie sich von ihrer Zukunft macht. Deswegen finde ich den Jesaja-Text so wichtig. Gerade heute.
Denn wir brauchen wirkliche Hoffnung, wenn wir weiterleben wollen.
So wie die Friedensbewegung in der DDR letztlich aus ihrer Hoffnung gelebt und sie dann schließlich auch verwirklicht hat.
Aber diese Hoffnung werden wir nicht in Zukunftsvisionen unserer Zeit finden.
Wirkliche Hoffnung finden wir viel eher bei Jesaja.

Jesajas Zukunftsvision lebt vom Vertrauen in Gottes Stärke.
Gott ist alles zuzutrauen, sagt er.
Sogar dass er den mickrigen Zions-Hügel zu einem großen Berg erhebt.
Oder dass eine kleinen Friedensbewegung ein ganzes starkes Land hinwegfegt.
Keine Hoffnung ist so groß, dass sie Gott nicht erfüllen könnte.

Wer daran glaubt, geht nicht unter im Strudel der düsteren Zukunftsprognosen.
Wer auf Gottes Stärke vertraut, dessen Blick wird nicht vernebelt von der Schwarzmalerei.

Und das ist heute genauso nötig wie zu Jesajas Zeiten:
Es ist ja kaum zu leugnen, dass wir weltweit vor großen Problemen stehen.
Dass sich das Klima erwärmt, dass die Ressourcen knapp werden, dass die Börsen ganze Volkswirtschaften an den Rand des Ruins bringen und so weiter.

Aber gerade deshalb brauchen wir doch Zutrauen in unsere Zukunft.
Wer handeln will, muss ein positives Bild haben von dem, was kommen soll.
Sonst wird aus dem Handeln bloß ein panisches Reagieren.
Eine klare Vision hilft, Krisen zu meistern.
Wer die Vision verliert, irrt hilflos in der Geschichte umher.

Man kann einwenden, dass Jesajas Vision falsch war.
Dass sie nicht eingetroffen ist, bis heute nicht.
Dass nun gerade Jerusalem nicht zu einem Ort des Friedens geworden ist,
sondern viel eher des Streits, der Auseinandersetzung, noch dazu des Konflikts zwischen den Religionen.
Das ist wohl richtig.

Aber es liegt zu einem großen Teil daran, dass man die Vision Jesajas hat verblassen lassen.
Dass man sie instrumentalisiert hat für kleinliche Rechthaberei, für den Streit um den Zion, den heutigen Tempelberg.

Jesaja wollte etwas völlig anderes:
Weisung soll von Gott an diesem Berg ausgehen, sagt er.
An alle Völker, auch an Israel. Deshalb schon jetzt der Aufruf an Israel:
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Jesajas Vision war es, dass sich Gott schließlich als stärker herausstellt als unsere Ängste.
Nicht im Jenseits, nicht erst, wenn die Geschichte schon vorbei ist.
Sondern im Diesseits.

Nur wenn Gott stärker ist als die Bosheit und die Machtgelüste von uns Menschen,
kann auch der Frieden stärker sein als der Krieg.
Nur wenn Gottes Licht uns stärker leuchtet als unsere finstersten Alpträume,
kann in uns die Hoffnung wach bleiben.

„Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laßt uns wandeln im Licht des Herrn!“
Die Vision des Jesaja endet mit einem Aufruf.

Ich höre das auch als Aufruf an uns.
Es ist unsere Aufgabe, das Licht Gottes in dieser Welt weiter zu tragen.

Wir sollten uns davor hüten, den Schwarzmalern zu glauben.
Wir sollten uns vor denen hüten, die Pessimismus als Realismus ausgeben.
Wir sollten uns davor hüten, uns mit den allzu kleinen Visiönchen zufrieden zu geben.

Unsere Hoffnungen und unsre Träume können gar nicht zu groß sein.
Gott ist immer größer.

Amen.

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