Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden,
und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.
Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches,
und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;
und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN,
und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.
Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen
und mit den Spöttern aus sein,
und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,
welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht
und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor,
und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.
Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob:
Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.
Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – seine Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen;
sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.
Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen,
und die, welche murren, werden sich belehren lassen.
Liebe Gemeinde,
so ganz genau weiß man es nicht, wie alt dieser Text ist.
Er stammt wohl nicht vom Propheten Jesaja selbst,
sondern ist ein paar hundert Jahre nach ihm gesprochen und aufgeschrieben worden.
Aber das macht ihn für uns nicht weniger wertvoll.
Denn Gott hat zu allen Zeiten Mittel und Wege gefunden,
zu seinen Menschen zu sprechen.
Gott hat immer Menschen gefunden, die sein Wort ausgerichtet haben.
Die in seinem Namen das Unrecht beklagt
und Hoffnung genährt haben.
Die Hochmütige ermahnt und Demütige getröstet haben.
Das ist der Sinn von Prophetie.
Propheten wie Jesaja und seine Nachfolger sagen nicht die Zukunft voraus,
sie decken die Gegenwart auf.
Und dann sie säen Hoffnung für die Zukunft.
Das tut auch unser Text.
Er malt das Bild einer ganz nahen Zukunft.
Ein Bild, das bunter, leuchtender, wärmer nicht sein könnte:
Gottes Reich wird kommen.
Die Sehnsucht nach einer besseren Welt wird erfüllt werden.
Gott verwandelt diese Erde.
Er verwandelt das Land, das zu blühenden Landschaften wird.
Er verwandelt die Menschen.
Er befreit sie, so wie er es schon früher getan hat.
Aber jetzt endgültig – ein für alle mal.
Gott heilt die Menschen -
von ihren körperlichen Gebrechen ebenso wie von Ungerechtigkeit.
Blinde werden sehen und Taube werden hören.
Menschen werden Frieden halten,
Richter werden nicht mehr korrupt sein, sondern wirklich für Gerechtigkeit sorgen.
Ein wunderbares Bild.
Wenn wir ein paar Worte austauschen,
könnte dieser uralte Text auch unsere Zukunftshoffnungen beschreiben.
Nur noch eine kleine Weile sei es,
bis das alles erfüllt wird.
Das war vor weit über 2000 Jahren.
Nichts hat sich seitdem wirklich grundlegend verbessert.
Krankheiten gibt es heute immer noch.
Und Ungerechtigkeit auch.
Dass wir hier in Deutschland ohne Tyrannen leben dürfen,
dass wir uns auf die bestmögliche Gerechtigkeit vor Gericht verlassen können,
heißt ja nicht, dass das der Normalzustand auf der Welt ist.
Eher stimmt das Gegenteil.
Hat also der Prophet damals unrecht gehabt?
War es frommer Selbstbetrug?
Oder Durchhalteparolen in dunkler Zeit?
Das könnte man meinen.
Die Spötter, von denen der Text spricht, die meinen das sicher.
Und man darf es ihnen noch nicht einmal verübeln.
Denn Beweise haben wir keine, dass diese Worte etwas Wahres in sich tragen.
Keine Beweise, nur unseren Glauben.
Ich glaube fest daran: Wir brauchen solche Hoffnungsbilder.
Wir brauchen Bilder, die uns leiten.
Sie stoßen ein Fenster auf und machen die Sicht frei:
So wie es ist, ist es nicht immer gut.
Es geht auch anders.
Gott will, dass vieles anders wird.
Er will die Ungerechtigkeit nicht dulden.
Und er will vor allem nicht, dass wir sie dulden.
Ohne die Hoffnung auf eine bessere Welt bleibt uns nicht viel.
Wir müssten uns abfinden mit dem, was es auf der Welt an Leiden gibt.
Wir müssten wegschauen, wenn in der Tagesschau die Flüchtlings- und die Hungerlager dieser Welt gezeigt werden, denn ohne Hoffnung ist das kaum auszuhalten.
Wir müssten uns damit begnügen, dass es uns selbst gut geht,
und dann das Leid der anderen mit Gewalt vergessen.
Ich glaube: Wer keine Hoffnung hat, verliert die Orientierung.
Zehn Jahre ist es heute auf den Tag genau her, dass zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme von New York geflogen sind, eins ins Pentagon und eins in den Acker bei Shanksville.
Tausende Tote hat es gegeben am 11. September vor zehn Jahren.
Unzählige leiden noch heute.
Zum Beispiel die Feuerwehrleute, die bei der Rettungsaktion in den brennenden Häusern Asbest eingeatmet haben.
Ein Tag, der die Geschichte verändert hat, wie kaum ein anderer.
Die Kriege in Afghanistan, im Irak – mit den tausenden Toten, die sie gefordert haben – sie hängen mit diesem Tag untrennbar zusammen.
Der 11. September ist ein Tag der Hoffnungslosigkeit.
Auch wenn inzwischen viele Geschichten erzählt werden, wie Mut, Kraft, Liebe die Opfer und die Helfer an diesem Tag zusammengeschweißt haben.
Aber der 11. September ist aus der Hoffnungslosigkeit gekommen.
Und er hat noch mehr Hoffnungslosigkeit über die Welt gebracht.
Es war blutiger Hass, der die Attentäter angetrieben hat.
Hass gegenüber der westlichen Welt, die ihnen dekadent und herrschsüchtig vorkam.
Sie wollten sich rächen für die Unterdrückung und die Demütigung, die die islamische Welt ihrer Meinung nach erfährt.
Sie wollten die westliche Welt ins Mark treffen – und haben das tatsächlich auch geschafft.
Unser Predigttext setzt Hoffnung an die Stelle von Hass.
Er sagt nicht: Alles ist gut, gib dich zufrieden.
Im Gegenteil: Er nennt Unrecht und Unterdrückung beim Namen.
Er nennt Lügen Lügen und Tyrannen Tyrannen.
Nichts wird beschönigt.
Aber die Antwort auf Unrecht und Tyrannei ist nicht Rache und ist nicht Hass, sondern Hoffnung.
Hoffnung auf Gott, der sich nicht zufrieden geben will, wenn Menschen leiden müssen.
Ha, sagen die Spötter jetzt. Da sieht man‘s.
Hoffnung – das ist gar nichts.
Wenn Religion nur Hoffnung predigt,
dann ist sie wie immer auf der Seite der herrschenden Verhältnisse.
Sie stellt die Menschen ruhig.
Sie vertröstet sie mit einer Hoffnung, die dann 2000 Jahre lang nicht eintritt.
Dieser Kritik müssen wir uns schon aussetzen.
Wir müssen uns schon fragen lassen, ob wir glauben, dass unsere Hoffnung einen wirklichen Grund hat.
Aber eins weiß ich sicher:
Diese Hoffnung bleibt nicht folgenlos.
Wer auf Gott hofft, muss deswegen nicht untätig bleiben.
Im Gegenteil.
Wer zu Gott betet, wird nachher die gefalteten Hände öffnen und sie gebrauchen können.
Und er wird sie vielleicht anders gebrauchen als ohne Gebet.
Wer wirklich auf Gott vertraut, wird keine Flugzeuge in Hochhäuser lenken,
aber er wird etwas tun, damit seine Hoffnung Wirklichkeit wird,
die Ketten gesprengt werden.
Hoffnung kann stark machen.
Wir haben das gesehen während des arabischen Frühlings:
Wenn Menschen Hoffnung schöpfen, wachen sie auf.
Wenn Menschen Hoffnung schöpfen, dann trauen sie sich auf einmal etwas.
Sie gehen aus dem Haus.
Demonstrieren.
Die zigtausende auf dem Tahrir-Platz in Kairo,
sie waren geeint in der Hoffnung auf das Ende der Mubarak-Diktatur, auf ein friedliches, gerechtes, freies Ägypten.
Sie haben ohne Gewalt demonstriert.
Viele sind sogar dann noch friedlich geblieben, als die Machthaber mit Brutalität zugeschlagen haben.
So wie auch im Iran oder in Syrien.
Natürlich ist Hoffnung keine Garantie, dass sich etwas ändert.
Oder dass Veränderungen friedlich erreicht werden.
Die stärkste Hoffnung auf Gott kann immer auch enttäuscht werden. Viele von uns haben das schon erlebt.
Aber solange die Unterdrückten keine Hoffnung schöpfen,
können sich die Unterdrücker bequem zurücklehnen.
Von Menschen ohne Hoffnung haben sie nichts zu befürchten.
Ich glaube: wie wir hoffen, so leben wir.
Hoffnung ist keine abseitige Träumerei.
Und sie ist auch kein frommer Wunsch.
Hoffnung haben heißt im Gegenteil, die Welt mit Gottes Augen ansehen.
Es wenigstens zu versuchen.
Dazu helfen uns Texte wie dieser aus dem Buch Jesaja.
Er weist unseren Hoffnungen die Richtung.
Dass kleine Menschen groß werden.
Dass Unterdrückte frei werden, sich aufrichten können.
Dass Blinde das Licht, den Himmel, die Farben sehen
und dass Taube die frohe Botschaft hören können.
Dass das Recht für alle gilt,
dass das Recht die Schwachen beschützt
und dafür sorgt, dass die Starken nicht nur für sich selbst, sondern für alle mit sorgen.
Dass die Nörgler nicht auf ewig nörgeln
und die Verblendeten Vernunft annehmen.
So dass es gerecht werden kann auf der Welt.
Gerecht zwischen den Menschen.
Gerecht zwischen Menschen und Natur.
Gerecht zwischen denen, die heute leben,
und denen, die einmal unsere Hinterlassenschaften erben.
Das soll die Richtung unserer Hoffnung sein.
Übrigens auch da, wo wir selbst zu den Starken, den Verblendeten, den Nörglern gehören.
Die Hoffnung wird vielleicht nicht morgen oder übermorgen eintreten.
Aber es wäre falsch, so zu tun, als ob sie niemals Wirklichkeit werden könnte.
Wir sollen und wir dürfen hoffen.
Das ist die Botschaft des Predigttextes für heute.
Wir dürfen hoffen,
weil diese Hoffnung von Gott kommt.
Und weil sie auf Gott zu führt,
nicht ins Jenseits,
sondern in ein breiteres und helleres Diesseits,
in dem Gottes Wille herrscht,
wie im Himmel, so auf Erden.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als all’ unsere Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

11. September 2011
Predigten