Nichts beschönigen und trotzdem hoffen: Predigt zu Klagelieder 3 am 9. Oktober 2011

9. October 2011

Predigten

Die ganze Predigt als pdf-Datei

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind,
seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
sondern sie ist alle Morgen neu,
und deine Treue ist groß.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele;
darum will ich auf ihn hoffen.
Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt,
und dem Menschen, der nach ihm fragt.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen.
Denn der Herr verstößt nicht ewig;
sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder
nach seiner großen Güte.

Die ganze Predigt als pdf-Datei


Was wärmt uns, wenn es draußen kalt wird?
In den letzten Tage haben wir erlebt, wie schnell das gehen kann:
Eben noch warme, goldene, sonnige Spätsommertage -
dann in der Nacht auf Freitag ein Temperatursturz.
Regen, Hagel, Sturm – die kalte Jahreszeit kommt mit Macht.
Nicht nur das Thermometer, auch unsere Stimmung sinkt.

Der Sommer war ganz plötzlich vorbei in diesem Jahr.
Jetzt beginnt es grau zu werden und kalt.
Die lichtdurchfluteten Tage sind vorbei.
Wir bereiten uns auf die dunkle Zeit vor,
wenn die Straßen leerer werden,
sich die Menschen zurückziehen in ihre Wohnungen.

Was wärmt und nährt uns, wenn es kalt wird in unserem Leben?
Das ist nicht nur eine Frage des Wetters.
Der Winter kann auch mitten im Sommer hereinbrechen.
Wenn sich kalte Schatten auf unser Leben legen.
Schatten der Krankheit,
der mächtige Schatten des Todes,
Schatten der Einsamkeit,
Schatten des Selbstzweifels, der Erschöpfung.

Wenn sich kalte Schatten auf unser Leben legen,
dann kann es passieren,
dass die warmen Tage des Sommers nur noch eine schmerzliche Erinnerung sind.
Eine Sehnsucht, die nicht mehr wärmt.

Kummer und Leid können so groß werden, dass keine Worte mehr helfen.
Auch keine noch so gut gemeinten Worte.
„Kopf hoch, wird schon nicht so schlimm“ – das klingt falsch, oder banal, oder beides.

Menschen können untröstlich werden – und damit trostlos.
Das haben wir vermutlich alle schon erlebt, an anderen, an uns selbst.
Was kann dann noch helfen? Was kann dann noch wärmen und nähren?

Die Klagelieder der Bibel, die dem Propheten Jeremia zugeschrieben werden,
erzählen von einer solchen Situation.
Es ist ein ganzes Volk, das trauert.
Und in diesem Volk jeder und jede einzelne.
Die Klagelieder der Bibel als ganzes sind der
Schrei der verwundeten Seele und des geschundenen Leibes.

Die Israeliten stehen vor den Trümmern Jerusalems,
vor den Ruinen des Tempels.
Die Babylonier hatten die Stadt im Jahr 587 vor Christus erobert
und ganze Familien verschleppt.
Es muss ein Schock gewesen sein,
vielleicht sogar noch schlimmer als für die New Yorker der Schock des 11. September
oder für die Norweger das Attentat auf das Jugendzeltlager.

Ein Schock für ein ganzes Volk -
und ein Schock für jeden einzelnen von ihnen:
für die Mutter die um ihre Kind weint,
für die Frau, die ihren Mann verloren hat,
für die Familie, die kein zuhause mehr hat.

Davon erzählen die Klagelieder,
auch wenn sie wohl erst Jahrzehnte später entstanden sind.
Sie erzählen davon, wie tief der Schock saß,
wie sehr die Menschen gelitten haben,
wie sehr sie nach etwas gesucht haben, das ihnen wieder Halt gab.

Und inmitten dieser Trauer, dieser Klage,
hören wir auch das Lied der Hoffnung.

Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind,
dass es noch nicht vorbei ist mit uns,
dass es uns noch gibt, dass wir leben, trotz allem.
Damit setzt unser Predigttext ein.

Es ist nicht viel, aber immerhin:
wir sind noch da, wir können klagen, können unser Klagelied hinausschreien.
Das immerhin haben uns die Babylonier nicht wegnehmen können.
Gott sei Dank!

Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.
Trotzig klingt das, zwischen den geschleiften Mauern Jerusalems,
im Angesicht des unendlichen Leids.
Traurig und trotzig zugleich.

Der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt,
und dem Menschen, der nach ihm fragt.

Momentan spricht so gut wie alles dagegen, dass der Herr freundlich ist.
Er hat es zugelassen, dass die Babylonier siegen, zerstören, verschleppen.
Er ist ihnen nicht in den Arm gefallen, hat uns nicht geholfen,
sondern einfach tatenlos zugesehen.
Und doch bleibt er die Hoffnung. Die letzte. Die einzige.
Wer sonst könnte unsere Hoffnung sein?

Denn der Herr verstößt nicht ewig;
sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder
nach seiner großen Güte.

Nichts wird beschönigt, um Gott zu rechtfertigen.
Er dreht uns den Rücken zu.
Lässt uns in unser Elend fallen.
Hilft nicht, auch wenn wir zu ihm schreien.

Das sind Erfahrung, die die Israeliten damals gemacht haben.
Und diese Erfahrungen machen seitdem Menschen
zu allen Zeiten und an allen Orten der Welt mit ihm.
Gott ist nicht da, wenn ich ihn am nötigsten bräuchte.
Diese Erfahrungen gibt es.
Auch viele von uns haben das schon erlebt.
Da helfen keine noch so frommen Sprüche.
„Es wird schon sein Gutes haben“ -
das kann ich in einem solchen Moment nicht sagen.

Wenn jemand so etwas erlebt, dann hilft ihm kein gutes Zureden.
Manchmal hilft nur Schweigen.
Gemeinsames Schweigen.
Was sollte man auch sagen?
Warum Gott nicht eingreift, warum er Leid zulässt,
niemand von uns kann das sagen.

Gott betrübt uns – auch wenn das ein allzu mildes Wort ist
für die Mutter, deren Kind bei der Geburt stirbt,
für die Witwe, die ihren Mann durch Krebs verlor,
für die Waisen, deren Eltern bei einem Autounfall starben.

Die Bibel beschönigt nichts,
sie behauptet nicht, dass Leid nicht schrecklich sein kann,
oder dass wir einsehen müssten, dass alles seinen höheren Sinn hat.

Die Bibel erzählt davon,
wie Menschen mit diesem so sinnlos erscheinenden Leid umgegangen sind.
Sie haben geklagt, Gott angeklagt, zu Recht Gott angeklagt.
Aber sie haben der Klage nicht das letzte Wort gegeben.

Die Klage war für sie der Weg heraus aus dem Kummer.
Mindestens der erste Schritt.
Denn wer klagt, muss nicht verstummen.
Wer klagt, findet ein Gegenüber.
Wer klagt, traut Gott immerhin zu, in seinem Leben etwas zu bewirken.
Und daraus kann Hoffnung werden.

In diese Melodie haben Menschen immer wieder eingestimmt.
Sie klingt nicht triumphal, nicht siegesgewiss,
sondern leise und zaghaft.
Und gerade deswegen haben Menschen durch sie Vertrauen gewonnen.
Gerade deswegen hat diese Melodie den Menschen Hoffnung geben können.
Hat sie dazu befähigt, nicht aufzugeben.
Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein
und auf die Hilfe des Herrn hoffen.

Wir alle sind in Geduld nicht besonders geübt.
Jedenfalls mir geht das so.
Wenn mich jemand zur Geduld auffordert, dann werde ich misstrauisch.
Dann denke ich, ich soll vertröstet werden.

Das ist nicht die Geduld, die die Bibel meint.
Unser Predigttext will uns nicht vertrösten.
Sondern er spricht davon,
dass auch wieder andere Erfahrungen kommen werden.
Dass wir die Nähe Gottes eines Tages wieder spüren können.

Unser Text sagt nicht, dass das schon bald sein wird.
Er sagt überhaupt nicht, wie lange das dauern wird.
Aber er macht Hoffnung darauf, dass Gottes Barmherzigkeit noch kein Ende hat.
Spüren wird das nur, wer Gott nicht aufgibt und wer sich nicht aufgibt.

Die Erinnerung an den vergangenen Sommer
und die Gewissheit, dass auf den Winter auch wieder hellere und wärmere Zeiten folgen – Das trägt uns durch den Winter.

Ich glaube, genau so meint es unser Predigttext:
Die Dankbarkeit für das, was Gott uns Gutes getan hat -
und die Hoffnung darauf, dass er es wieder für uns tun wird -
das soll uns durch die kalten Jahreszeiten unseres Lebens tragen.
Welche andere Hoffnung hätten wir denn auch sonst?

Amen

No comments yet.

Leave a Reply